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Wer war Rosa Mayreder?

"Wider die Tyrannei der Norm"

Das Rosa-Mayreder-College wurde nach ihr benannt, um einerseits die Erinnerung an diese "Grenzgängerin der Moderne" lebendig zu halten und andererseits den "finsteren Zeiten" (Brecht, Hannah Arendt) unserer Tage inhaltliche wie methodische Konzepte "Wider die Tyrannei der Norm" in heute aktueller Weise entgegenzusetzen.

Im Zentrum von Mayreders Schaffen steht neben ihren zahlreichen politischen Schriften zu den Geschlechterverhältnissen, die Reflexion der Wahrnehmung, des Denkens und Handelns. Autoritätsfixiertheit und Prestigedenken lagen ihr ebenso fern wie missionarisches Streben in politischen Organsiationen.

Mayreder war eine Individualistin, eine singuläre Erscheinung, die ihre Stimme öffentlich erhob. Gegen den herannahenden Faschismus und Nationalsozialismus bezog Rosa Mayreder ebenso Stellung wie gegen religiöse und weltanschauliche fundamentalistische Strömungen, die bereits lange im Vorfeld dazu lagen.

Rosa Mayreder hat sich zeitlebens für den Abbau von politischen Macht- und Herrschaftsverhältnissen, gegen die bürgerliche Doppelmoral, für Frauenrechte, für politische Bildung und Aufklärung eingesetzt.

Weiterführende Informationen zu Rosa Mayreder:

Die Kulturphilosophin, Schriftstellerin und Feministin wurde am 30. November 1858 in Wien geboren. Neben dem Schreiben seit ihrer frühesten Jugend erhielt Rosa Mayreder, geb. Obermayer, nicht nur Latein- und Griechischstunden, sondern auch Malunterricht. 1891 wurde ihre erste Ausstellung mit Aquarellen im Wiener Künstlerhaus gezeigt. Weitere Ausstellungen im In- und Ausland folgten. Für die Oper "Der Corregidor" von Hugo Wolf, die 1896 uraufgeführt wurde, schrieb Rosa Mayreder das Libretto. Ihr Novellenband "Aus meiner Jugend", in dem die Scheinmoral der bürgerlichen Gesellschaft und Familie in ihren gewaltigen Folgen für Frauen angeprangert wird, erschien im gleichen Jahr.

Von 1893 bis 1903 war Rosa Mayreder Vizepräsidentin des von ihr mitbegründeten "Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins". Seit 1888 stand sie mit der Frauenrechtlerin Marie Lang in Verbindung. 1894 hielt sie ihre erste Rede bei einer Frauenversammlung im Wiener Rathaus zum Tabuthema "Prostitution", bei der sie für die Achtung der Menschenwürde der rechtlosen Frauen eintrat. Gemeinsam mit Marie Lang und Auguste Fickert gab sie seit März 1899 die Zeitschrift "Dokumente der Frauen" heraus.

Als eine "Radikale" des linken Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung forderte auch Rosa Mayreder die explizite Einbeziehung politischer Bildung in alle Bildungskonzepte. Gemeinsam mit Auguste Fickert, der das größte Verdienst für das Zustandekommen "Volksthümlicher Universitätscurse" für Frauen zukam, trug auch Rosa Mayreder dazu bei, dass Frauen in Österreich ab 1897 zum Studium an Universitäten zugelassen wurden. 1900 wurde darüber hinaus der Frauenbildungsverein "Athenäum" gegründet, dessen Ziel es war "wissenschaftliche Lehrcurse" für Frauen abzuhalten. Rosa Mayreder gründete jedoch auch um 1910, gemeinsam mit Olga Prager und Kurt Federn, eine private "Kunstschule für Frauen und Mädchen".

1905 erschien Rosa Mayreders Buch "Zur Kritik der Weiblichkeit", eine Sammlung kulturpolitischer Essays zu den patriarchalen Geschlechterverhältnissen. Bis zu Beginn der zwanziger Jahre wurde es mehrmals aufgelegt. 1923 veröffentlichte sie einen zweiten Band mit dem Titel "Geschlecht und Kultur". In diesen Werken, in denen sie sich unter anderem gegen Otto Weiningers frauenfeindliche Hetzschrift "Geschlecht und Charakter" wandte, kritisierte Rosa Mayreder immer wieder die aus der Aufklärungszeit stammende Geschlechtermetaphysik mit ihren weiblichen und männlichen Tugendkatalogen. Diese legten den Außenraum für den Mann und den Binnenraum für die Frau fest. Speziell befasste sich Rosa Mayreder mit den Kategorien "männlich" und "weiblich" als gesellschaftliche und metaphysische Zuschreibungen, mit deren Wurzeln und historischer Entwicklung. Konfrontiert mit dem - oft wissenschaftlich - verbrämten Frauenhass männlicher wie weiblicher Zeitgenossen, entlarvte sie deren "Generalurteile" über "das Weib" als Männerphantasie, die mit der "Wesensbeschaffenheit", den "psychosexuellen Anlagen" ihrer Schöpfer weitaus mehr zu tun hatten als mit wissenschaftlicher Erkenntnis und Sachlichkeit bzw. mit der vielfältigen Realität dessen, was Frauen tatsächlich sind und sein können.

Rosa Mayreder engagierte sich aber auch schon vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in der Österreichischen Friedensbewegung gemeinsam mit Bertha v. Suttner und blieb bis zu ihrem Lebensende dem Friedensengagement auf internationaler Ebene verbunden.

Rosa Mayreder starb im Jahr 1938. Die von den Nazis ins Londoner Exil vertriebene Freundin und Nachlassverwalterin Käthe Braun-Prager nahm Rosa Mayreders Tagebücher und schriftliche Lebenserinnerungen mit. 1967 gelangten sie in den Besitz der Wiener Landes- und Stadtbibliothek.

1981 gab die Literaturwissenschafterin Hanna Bubenicek Rosa Mayreders kulturphilosophischen Essays "Zur Kritik der Weiblichkeit" im deutschen Verlag Frauenoffensive in damals aktuell kommentierter Weise neu heraus. 1986 veröffentlichte Bubenicek das Buch "Rosa Mayreder oder Wider die Tyrannei der Norm" bei Böhlau. In eindrucksvoller Weise hat sie darin die Gratwanderung einer "Grenzgängerin der Moderne" beschrieben. Ich selbst verdanke Hanna Bubenicek in dieser Zeit wertvollste Anregungen zu einer feministischen kulturwissenschaftlichen Mayreder-Rezeption. Während meines damaligen Studiums, bei dem die "Wiener Moderne" und ihr Antifeminismus ein Schwerpunkt war, entstanden meinerseits einige Aufsätze zu Rosa Mayreder und auch zu Helene von Druskowitz, die erste in der Schweiz promovierte Philosophin in Österreich.
Einige Jahre später im Jahr 1988 folgte die neue Herausgabe "Rosa Mayreder, Tagebücher 1873-1937" durch Harriet Anderson. Und seit Mitte der neunziger Jahren macht sich auch Eva Geber, eine Herausgeberin der feministischen Zeitschrift AUF, durch weitere Neuauflagen um das Werk Rosa Mayreders verdient.

(Ursula Kubes-Hofmann)